Metall macht Musik, Teil 19
von Tim Eckhorst
Fan-Nähe
Die Nähe zu den Fans scheint im Metal- und Rock-Bereich besonders ausgeprägt zu sein. Belegen möchte ich dies zunächst am Beispiel der Glam-Rocker The Sweet.
Ich hatte zwei Gründe mich bei einem Konzert der Band zwischen die ganzen Ehepaare, die meine Eltern hätten sein können, zu wagen:
1. The Sweet spielten for free!
2. Bei The Sweet spielen zwei ehemalige Mitglieder von Praying Mantis (Bruce Bisland an den Drums und Tony O’ Hora singt und spielt Bass).
Um noch weit vorne einen guten Platz zu bekommen, waren meine Begleitungen und ich schon während des Soundchecks vor der Bühne. Während die Musiker relativ gut vorankamen, bereitete die Technik Gitarrist und Ur-Mitglied Andy Scott scheinbar große Probleme. Während Bruce Bisland und der Rest schon lange von der Bühne verschwunden waren, war Andy immer noch dabei verschiedene Kabel auszuprobieren (unter Aufsicht eines Roadies) und so richtig zu gefallen schienen ihm die alle nicht. Letztendlich hat aber auch Andy seine Gitarre eingestöpselt bekommen und kurz darauf konnte es losgehen.
Ziemlich auf Glam-Rock getrimmt, betraten die Herren die Bühne und legten gleich mit „Hell Raiser“ los. Noch beim gleichen Song riss Gitarrist/Keyboarder Steve Grant eine Saite ab, was erst mal vom Roadie geflickt werden musste. Steve, der dies nicht als Problem anzusehen schien, griff spontan in die Tasten.
Der Auftritt setzte sich mit weiteren Klassikern fort, wobei immer wieder zu merken war, dass das, was eigentlich noch The Sweet ist (also Andy Scott) ohne die neuen Mitglieder Bisland und O’ Hora vermutlich ziemlich lahm gewesen wäre. Bruce Bisland, mit „Fuck me“-Hemd und Dauergrinsen bekleidet, schien sich sehr zu freuen, dass er wieder Schlagzeug spielen durfte. Aber auch der Rest der Band war gut dabei, außer eben Andy Scott, der sich nicht so recht bewegen mochte, dem aber hin und wieder doch ein Lächeln zu entlocken war. Bei Gassenhauern, wie „Co-Co“ und „Funny Funny“ war es dann ganz lustig zu beobachten, wie ein mit Nieten bekleideter, schwarzhaariger Metal-Fan im Primal Fear T-Shirt völlig in Ekstase geraten am Feiern war. Ein herrliches Naturschauspiel, das man sicher auch nicht alle Tage beobachten kann.
Zurück zum Hauptgeschehen: Kleine Patzer passierten immer wieder, was aber eigentlich egal war und auch nur zeigte, dass die Jungs das alles nicht wirklich ernst nehmen (im positiven Sinne). Auf jeden Fall eine großartige Show, vor allem die Zugabe „Ballroom Blitz“ konnte noch mal so richtig begeistern.
Schon gegen Ende des Gigs, gab Tony O’ Hora bekannt, dass man nach dem Auftritt neben der Bühne Autogramme geben würde. Glücklicherweise hatte ich – als echter Fanboy - alle meine Praying Mantis-CD-Booklets und sonstige Teile dabei, wo Bruce Bisland und/oder Tony O’ Hora beteiligt waren.
Es erwies sich jedoch nicht als einfach zur Band vorzudringen, da offensichtlich der größere Teil der Zuschauer Interesse an Autogrammen hatten. Nachdem ich mich dann gegenüber aggressiven, schon in die Jahre gekommenen, weiblichen „The Sweet“-Anhängern mit ihrer ersten Platte in der Hand behaupten konnte (glücklicherweise hatten diese mit Tony und Bruce nicht viel am Hut, die wollten zu Andy), stand ich in Bandnähe. Zunächst konnte ich Bruce Bisland um ein Autogramm bitten. Als er sah, dass ich sämtliche Praying Mantis-Booklets dabei hatte, rief er sofort nach Tony und schien aus der Begeisterung gar nicht mehr herauszukommen. Seelenruhig blätterte er die Booklets durch und rannte mit einem breiten Grinsen zu Steve Grant, um diesem zu zeigen, wie er früher aussah. Zudem musste Bruce feststellen, dass meine Pressung von „Forever in Time“ scheinbar ein Bootleg ist, da die Farben auf dem Cover nicht die richtigen seien. Dies teilte er auch dem mittlerweile herbeigekommenen Tony mit, der dies bestätigte. Nichtsdestotrotz wurden die Booklets mit Autogrammen versehen. Bruce, der immer noch fleißig dabei war möglichst jedes Heft zu signieren, war sehr bedacht auf seine Arbeit und fragte bei den meisten von ihm getätigten Unterschriften nach, wo sie denn hin sollen. Auch Tony zeigte sich begeistert, als ich das Inlay von dem Album „Shouting Silence“ von Michael Riesenbeck herausholte. Mit persönlicher Widmung signierte er mir dies und erzählte von einem neuen Projekt, in dem er involviert ist. Bruce verriet mir zudem, dass er mit Praying Mantis eventuell ein weiteres Album aufnehmen wird („We might record another album.“). Mit einem warmen Händedruck verabschiedete ich mich dann von Tony.
Aber nicht nur „The Sweet“ nehmen ihre Fans ernst. Auch Blaze Bayley, ehemaliger Sänger von Iron Maiden und heute solo aktiv, kümmert sich um seine Anhänger. Mit dem Satz „Ich bin kein Rockstar, sondern Musiker“ (oder so ähnlich), garantiert er dafür, dass jeder Fan sein Autogramm und/oder Foto von/mit ihm bekommt. Dies konnte ich selbst auf dem Wacken Open Air 2004 feststellen, wo ich Blaze am Bierstand traf.
Schon fast verwunderlich ist auch die Tatsache, dass ich bei einer Autogrammstunde von Glenn Danzig (siehe unten) ein Foto mit selbigem machen konnte. Den mit düsterer Sonnenbrille bekleideten Danzig danach zu Fragen, kam allerdings einer Mutprobe gleich, schließlich ist der gute Mann nicht nur einmal durch seine Launen aufgefallen.
Schön sind auch immer wieder die Autogrammstunden auf den einschlägigen Festivals. Da werden Fans von den Musikern per Handschlag mit einem „Hey, how are you?“ begrüßt und das Ganze scheint ein riesen Spaß für beide Seiten zu sein. Ohne übertreiben zu wollen oder wohlmöglich andere Genres in den Dreck ziehen zu wollen, aber ein so gesundes und nettes Verhältnis, wie es in der Metal-Szene zwischen Fans und Musikern gibt, findet man sicher kaum woanders.
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