Metall macht Musik, Teil 29
von Tim Eckhorst
Der Eurovision Song Contest rockt!
Mein Gott, wie konnte das nur passieren?! Die Hard-Rocker Lordi treten am 20. Mai in Athen für Finnland beim Eurovision Song Contest an. Ist das jetzt ein Grund zur Freude? Vermutlich ja, aber in erster Linie ist es ein Grund zum Lachen, denn jeder auch nur ein wenig konservativ angehauchte Schlagerfan, hat nun genügend Anlass sich mal wieder kräftig aufzuregen, sehr zur Freude der Metaller, die sich über Lordis Erfolg diebisch freuen.
Zunächst einmal für die nicht ganz so Informierten: Lordi ist nicht so eine neue Sensationsband, die ein bisschen provozieren will, nein, da steckt schon mehr hinter. Frontman und Bandgründer Lordi ist nach eigenen Aussagen schon seit seiner Kindheit von Monstern besessen. So hat der Finne einen großen Teil seiner Schulzeit mit dem Zeichnen von eben jenen Ungetümen verbracht. Kiss, die schon in den 70ern mit ihren Kostümen und ihrer Bühnenshow die ältere Generation zu schocken wussten, waren natürlich genau das richtige für den Herren mit den makaberen Vorlieben. So ist es nicht verwunderlich, dass der monsterliebende Finne Vorsitzender der finnischen "Kiss Army" - dem Kiss-Fanclub - wurde. Und da ein richtiger Fan natürlich danach strebt wie seine Idole zu sein, gründete Lordi auch gleich seine eigene Band: Lordi.
Lordi sollte selbstverständlich nicht irgendeine Band sein. So begann der Frontman damit Kostüme zu entwerfen, die seine Band zu einer etwas anderen Band werden ließ. Weitere Inspirationsquellen, die sich kaum verleugnen lassen sind natürlich Twisted Sister, W.A.S.P. und Alice Cooper. Schon an diesen Namen wird deutlich, wo Lordis Musik anzusiedeln ist, in den guten alten 80ern nämlich. Dort und in seiner Kindheit ist der Sänger offenbar auch hängen geblieben. So erzählt Lordi gerne, dass er, wenn er in den Supermarkt geht, um etwas zu Essen zu kaufen nicht mit Essen herauskommt, sondern mit Action-Figuren aus der Spielwarenabteilung - das Kind im Manne, für mich mehr als verständlich.
Nach harter Arbeit für und mit der Band erschien dann 2002 das erste Lordi-Album „Get heavy“. Die erste Single-Auskopplung „Would you love a Monsterman?“ schaffte es in der Heimat auf Platz 1. Die zweite Single „Devil is a Loser“ rockt noch viel gewaltiger und erteilt dem, was die eingangs erwähnten Konservativen in Lordi zu sehen fürchten erstmal eine gehörige Absage. Lordi macht Spaß, Lordi ist böse, aber mit Satanismus haben die Dame und die vier Herren nichts am Hut.
Erwähnenswert ist an dieser Stelle auch das Artwork zum Album, das vom Frontman selbst gestaltet wurde, einige können eben alles. Unter den Tisch fallen lassen möchte ich auch die Videos nicht, die zu den beiden Singles gedreht wurden, denn diese sind mehr als großartig inszeniert.
Der „Get heavy“-Nachfolger kam dann 2004 unter dem Titel „The Monsterican Dream“ daher. In bester Lordi-Manier geht der Spaß weiter. Es gibt wieder schöne Melodien zum Mitsingen oder Mitsummen (für die Stilleren) und ein mehr als tolles Video zum Song „Blood red Sandman“.
Nun, im Jahre 2006 ist gerade das dritte Album erschienen („The Arockalypse“) und Lordi haben mit der ersten Single „Hard Rock Hallelujah“ am finnischen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest teilgenommen - und sie haben 40 % der Stimmen bekommen! Hell yeah! Passend dazu ist auf der Single also auch die „Eurovicious Radio Edit“-Version des Sieger-Songs enthalten (habe ich erwähnt, dass Lordi Wortspiele lieben?).
Und jetzt sind wir wieder am Anfang: Die einen freuen sich, die anderen sind empört. Unter den Metal- und Rock-Fans sorgte die Nachricht von Lordis Sieg für eine sehr heitere Stimmung. Fröhlich stimmt man sich bereits jetzt auf den Auftritt der Band in Athen ein. So kann man beispielsweise T-Shirts kaufen, die schon jetzt den Sieger des Wettbewerbes prophezeien. Auch sind deutschlandweit Voting-Partys angesetzt. In Hamburg wird diese z.B. im Headbanger’s Ballroom stattfinden.
Die typischen Eurovision-Zuschauer sehen die Sache natürlich ein wenig anders. Da spricht man von bösen Monstern, die bei dieser schönen Veranstaltung nichts zu suchen haben und sogar hie und da von Blasphemie (schon am Titel „Hard Rock Hallelujah“ deutlich zu erkennen, böse Sache). Auch AOL titelte schon „Horror-Show im Halbfinale - Hat der Schlager das Zeitliche gesegnet?“. Bin sehr gespannt auf BILD...
Lordi scheinen das Ganze sehr zu genießen und sehen alles sehr locker. Richtig so, zu verlieren haben sie ja nichts. Ich persönlich finde es auch mehr als spaßig. Besonders wenn man im Radio Phrasen wie „Hören Sie morgen früh in unserer Morning-Show, wer Texas Lightning gefährlich werden kann!“. Ganz klar, Lordi natürlich und das im wahrsten Sinne des Wortes, he he!
Vote for Lordi!
Der Morgen danach:
Finland… 12 points!
Schöne Schlagzeilen überall: Lordi haben den Eurovision Song Contest 2006 in Athen gewonnen!
Mit ihrem Song „Hard Rock Hallelujah“ wurden die Finnen eigentlich eher belächelt und unter den Eurovision-Experten keineswegs als Favoriten gehandelt. Man sah die fünf als Monster verkleideten Musiker eher als ein kleines Übel, das man beim Finale überstehen müsse. Dass nun gerade diese Band mit einem haushohen Vorsprung vor den Zweitplatzierten (Finnland 292 Punkte, Russland 248 Punkte) den Sangeswettbewerb gewinnt, dürfte für einige sehr überraschend sein, allen voran die Band selbst.
Dass gerade aus den nordischen Ländern Europas viele Punkte für Lordi kamen, war nicht weiter verwunderlich, schließlich ist Rock und Metal in Ländern wie Norwegen und Schweden sehr populär. Aber auch bei Polen und Griechenland war es weniger verwunderlich zu sehen, dass Lordi auch hier ankamen. Deutschland gab den „Rockern“ 10 Punkte.
Aber auch bei den meisten anderen Ländern lagen Lordi hoch im Kurs, selten gingen sie leer aus oder bekamen weniger als 8 Punkte.
Dass nun gerade die „Außenseiter“ den Contest gewonnen haben, dürfte in der Presse für viel Wirbel sorgen, schließlich wollte anfangs keiner so richtig was mit den monströsen Finnen zu tun haben. Nun da sie gewonnen haben dürfte ihnen das einen weiteren Popularitätsschub geben. Hören wir vielleicht bald Lordi im Radio?
Gute Frage, so weit ist es aber offenbar am Tag nach dem Wettbewerb noch nicht gekommen, dafür gibt es schon allerlei nette Schlagzeilen zu lesen. So titelt z.B. AOL „Hard Rock Halleluja verweist Rest-Europa inklusive Texas Lightning auf die Plätze“ und wagt dann im Artikel einen Ausblick auf die Zukunft des Wettbewerbes. Orientieren sich vielleicht die nächsten Bands am Sieger von 2006? Für gewöhnlich hat man dieses Phänomen laut dem Autor schon beobachtet.
Bei N-TV, die sich mit dem ganzen Ereignis eher von der lustigen Seite beschäftigt haben, wird Lordi als „Boygroup“ in der Tradition von Gwar und Slipkont bezeichnet. Tja, sollte das jetzt irgendwie lässig klingen ist das in die Hose gegangen, denn auch bei Gags sollte recherchiert werden. Lordi würden dem Schreiber dieser Zeilen sicher den Kopf abreißen… oder abbeißen, sollten sie das hören, denn mit diesen Bands hat man im Lordi-Lager absolut nichts am Hut. Vielmehr liebt man dort Kiss (und VOR ALLEM Kiss), Alice Cooper, W.A.S.P. und Twisted Sister, Helden der 70er und 80er.
Lordi selbst, die sich offenbar sehr über ihren Sieg freuten, mussten zunächst Blumen entgegen nehmen, zudem durfte Obermonster und Sänger Lordi die Moderatorin küssen, was einmal mehr ein lustiger Anblick war. Später äußerte sich der Frontman auf ndrtv.de folgendermaßen: „Ich bedanke mich bei allen Hard-Rock-Fans und allen Zuschauern, die nicht engstirnig sind.“ Des Weiteren spricht er nicht von einem Sieg für Finnland, sondern einem Sieg für die Rockmusik. Und was für einem!
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